Felix BaumannVIEW PROFILE →
Die Sonne so scharf wie nie: Wie ein verborgenes Phänomen das Rätsel der glühenden Korona lösen könnte
Die bislang detailreichsten Bilder der Sonnenoberfläche zeigen erstmals wirbelartige Strukturen, die Astronomen begeistern. Diese Kelvin-Helmholtz-Instabilität könnte erklären, warum die äußere Atmosphäre der Sonne so unfassbar heiß ist , und eine deutsche Kamera war mit dabei.
Unser Heimatstern, die Sonne, ist uns so vertraut und doch in vielerlei Hinsicht ein großes Rätsel. Nun haben Forschende einen bislang unerreicht detaillierten Blick auf ihre brodelnde Oberfläche geworfen, und was sie enthüllen, ist eine kleine Sensation, die ein jahrzehntealtes physikalisches Geheimnis lüften könnte.
Ein Blick von nie da gewesener Schärfe
Möglich wurden diese außergewöhnlichen Aufnahmen durch das leistungsfähigste Sonnenteleskop der Welt. Das sogenannte Inouye-Sonnenteleskop, das auf dem Gipfel des Vulkans Haleakalā auf der hawaiianischen Insel Maui thront, verfügt über einen gewaltigen Hauptspiegel mit einem Durchmesser von vier Metern und liefert damit die schärfsten Bilder unseres Sterns überhaupt.
Die Detailtiefe dieser Aufnahmen ist schlichtweg atemberaubend und kaum in Worte zu fassen. Das Teleskop vermag Strukturen auf der Sonnenoberfläche aufzulösen, die nur noch etwa zwanzig Kilometer groß sind, was angesichts der enormen Distanz und der schieren Größe der Sonne eine technische Meisterleistung ersten Ranges darstellt.

Ein deutscher Beitrag aus Göttingen
Auch wenn das gigantische Teleskop selbst auf Hawaii steht, so trägt dieser Erfolg doch eine bedeutende deutsche Handschrift. Für die entscheidenden Aufnahmen nutzten die Forschenden nämlich eine spezielle Breitband-Kamera, die vom renommierten Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung im niedersächsischen Göttingen stammt.
Diese Beteiligung unterstreicht einmal mehr die wichtige Rolle deutscher Forschungseinrichtungen in der internationalen Spitzenastronomie. Oft sind es solche hochspezialisierten Instrumente, die den entscheidenden Unterschied ausmachen und überhaupt erst ermöglichen, dass wir das Universum in einer bislang unvorstellbaren Klarheit betrachten können.
Ein lange gesuchtes Phänomen
Doch die eigentliche wissenschaftliche Sensation verbirgt sich in dem, was auf diesen Bildern zu sehen ist. In Kombination mit hochaufwändigen Computersimulationen zeigten die Aufnahmen zum allerersten Mal band- und wirbelartige Strukturen, die durch ein faszinierendes strömungsdynamisches Phänomen entstehen und bislang im Verborgenen geblieben waren.
Dieses Phänomen trägt den Namen Kelvin-Helmholtz-Instabilität. Sie entsteht überall dort, wo zwei Schichten eines Fluids mit unterschiedlicher Geschwindigkeit aneinander vorbeiströmen, und erzeugt dabei charakteristische Wirbel, wie man sie zum Beispiel auch von bestimmten Wolkenformationen am irdischen Himmel her kennt.
Der Schlüssel zur glühenden Korona?
Die Entdeckung dieser Wirbel auf der Sonne ist deshalb so aufregend, weil sie möglicherweise die Antwort auf eines der größten ungelösten Rätsel der Sonnenphysik liefert. Die Rede ist von der extremen Aufheizung der Sonnenkorona, also der äußeren Atmosphäre unseres Sterns, deren Temperatur die der Oberfläche um ein Vielfaches übersteigt.
Das ist zutiefst rätselhaft, denn eigentlich müsste es weiter weg vom heißen Kern kühler werden, nicht wärmer. Genau hier kommen die neu entdeckten Instabilitäten ins Spiel, denn die Forschenden vermuten, dass diese wirbelnden Strukturen unter anderem für die geheimnisvolle und extreme Aufheizung der Korona verantwortlich sein könnten.
Warum uns das alle angeht
Diese Erkenntnisse sind weit mehr als bloße akademische Neugier, denn das Verständnis der Sonne hat ganz handfeste Konsequenzen für unser Leben auf der Erde. Die Vorgänge in der Korona treiben das sogenannte Weltraumwetter an, das Sonnenstürme hervorbringen kann, die Satelliten, Stromnetze und die Kommunikation empfindlich stören.
Je besser wir also die grundlegenden physikalischen Prozesse auf unserem Stern verstehen, desto besser können wir uns eines Tages vor seinen gewaltigen Launen schützen. Die scharfen Bilder aus Hawaii, mit ihrer deutschen Kameratechnik, sind somit ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem sichereren Umgang mit der Macht der Sonne.






