Felix BaumannVIEW PROFILE →
Kippt der Golfstrom? Was neue Studien über einen möglichen Kollaps der AMOC verraten
Neue Simulationen des Potsdam-Instituts zeigen, dass die atlantische Umwälzströmung AMOC unter hohen Emissionen nach 2100 zusammenbrechen könnte. Was das für Europas Klima bedeuten würde und warum das Risiko größer ist als lange angenommen.
Während die deutsche Wissenschaftsberichterstattung derzeit stark von Weltraumteleskopen, Kernfusion und medizinischen Durchbrüchen geprägt ist, spielt sich im Atlantik eine weit weniger sichtbare, aber potenziell folgenschwere Entwicklung ab. Im Zentrum steht die Frage, ob eine der wichtigsten Meeresströmungen der Erde auf einen gefährlichen Kipppunkt zusteuert und was das für Europa bedeuten würde.
Gemeint ist die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation, kurz AMOC, zu der auch der bekannte Golfstrom gehört. Dieses gewaltige System von Meeresströmungen wirkt wie ein Förderband, das warmes Wasser nach Norden transportiert und maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass Europa ein vergleichsweise mildes Klima genießt, obwohl es geografisch recht weit im Norden liegt.
Was die neuen Modelle zeigen
Aktuelle Forschungsergebnisse des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, kurz PIK, zeichnen ein beunruhigendes Bild. Demnach könnte die AMOC unter Szenarien mit hohen Treibhausgasemissionen nach dem Jahr 2100 zusammenbrechen, was die Zirkulation grundlegend und möglicherweise dauerhaft verändern würde.
Besonders eindringlich ist die Konsistenz der Simulationen. In allen neun untersuchten Hochemissionsszenarien entwickelten sich die Modelle hin zu einem schwachen, flachen Zirkulationszustand, bei dem die tiefe Umwälzung praktisch zum Erliegen kommt. Es handelt sich also nicht um ein einzelnes Ausreißer-Ergebnis, sondern um ein wiederkehrendes Muster.
In jedem dieser Fälle folgte dieser Wandel auf einen Zusammenbruch der tiefen Konvektion in den nördlichen Atlantikmeeren, der bereits um die Mitte des Jahrhunderts einsetzte. Das bedeutet, dass die entscheidenden Weichen möglicherweise schon lange vor dem eigentlichen, sichtbaren Kollaps der Strömung gestellt werden.
Der Mechanismus hinter dem Kipppunkt

Um zu verstehen, warum das passiert, lohnt ein Blick auf den zugrunde liegenden Mechanismus. Der Kipppunkt, der die Abschaltung der AMOC auslöst, ist ein Zusammenbruch der winterlichen Tiefenkonvektion in der Labrador-, der Irminger- und der Nordsee, also jenen Regionen, in denen kaltes Wasser normalerweise in die Tiefe absinkt.
Die globale Erwärmung greift genau hier ein. Weil die Atmosphäre nicht mehr kalt genug ist, verliert der Ozean im Winter weniger Wärme. Dadurch beginnt die vertikale Durchmischung der Wassermassen zu schwächeln, denn die Meeresoberfläche bleibt wärmer und damit leichter, sodass sie weniger dazu neigt, abzusinken und sich mit tieferen Schichten zu vermischen.
Diese gestörte Durchmischung schwächt die gesamte AMOC. In der Folge fließt weniger warmes und salziges Wasser nach Norden, was die antreibende Kraft der Strömung weiter reduziert. So entsteht ein sich selbst verstärkender Prozess, der das System schrittweise in Richtung des kritischen Kipppunkts drängt.
Was das für Europa bedeutet
Die möglichen Folgen eines solchen Zusammenbruchs wären für Europa tiefgreifend. Ein Abschalten der Strömung würde den Wärmetransport nach Norden drastisch verringern, wodurch der Kontinent besonders anfällig für extreme Winter würde, die deutlich kälter ausfallen könnten als heute gewohnt.
Doch nicht nur die Winter wären betroffen. Fachleute rechnen zugleich mit trockeneren Sommern und mit Verschiebungen bei den tropischen Niederschlägen weltweit. Das Zusammenspiel dieser Effekte könnte Landwirtschaft, Wasserversorgung und Ökosysteme in bislang schwer abschätzbarer Weise unter Druck setzen.
Gerade für ein dicht besiedeltes und wirtschaftlich stark vernetztes Land wie Deutschland wären solche Veränderungen eine enorme Herausforderung. Sie würden nicht nur das Wetter, sondern auch Infrastruktur, Energieversorgung und Gesundheitssysteme betreffen und langfristige Anpassungen auf vielen Ebenen erforderlich machen.
Ein wachsendes Risiko
Vielleicht am wichtigsten ist die Einordnung dieser Erkenntnisse in den größeren Zusammenhang. Auf Basis einer ganzen Reihe neuer Studien der vergangenen Jahre erscheint das Risiko eines AMOC-Kollapses in diesem Jahrhundert inzwischen deutlich größer, als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lange angenommen hatten.
Auch wenn die zeitliche Unsicherheit groß bleibt und viele Fragen offen sind, senden diese Ergebnisse eine klare Botschaft. Sie unterstreichen, wie eng die Vermeidung hoher Emissionen mit der Stabilität lebenswichtiger Klimasysteme verknüpft ist und warum die AMOC zu einem der am genauesten beobachteten Kipppunkte der Erde geworden ist.






