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43 Sekunden bei 40 Millionen Grad: Wie der deutsche Fusionsreaktor Wendelstein 7-X einen Weltrekord aufstellte

climate2026-08-28 · 4 min read · 0 reads

In Greifswald hat die weltgrößte Fusionsanlage vom Typ Stellarator Geschichte geschrieben: Wendelstein 7-X hält den Weltrekord beim entscheidenden Tripelprodukt über 43 Sekunden, erreichte rund 40 Millionen Grad und setzte 1,8 Gigajoule um. Warum dieser Erfolg den Stellarator plötzlich ernst zu nehm

Während die großen Wissenschaftsschlagzeilen oft von fernen Galaxien, Quantencomputern oder neuen Krebstherapien dominiert werden, hat sich im Nordosten Deutschlands ein stiller, aber bahnbrechender Erfolg ereignet. In der Stadt Greifswald hat eine der ambitioniertesten Forschungsanlagen der Welt einen Weltrekord aufgestellt, der die Hoffnung auf eine saubere und nahezu grenzenlose Energiequelle der Zukunft neu entfacht.

Ein Sonnenofen auf der Erde

Die Rede ist von Wendelstein 7-X, einer gigantischen Maschine, die vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik betrieben wird und ein hehres Ziel verfolgt. Sie soll nämlich die Kernfusion beherrschbar machen, also jenen Prozess, der auch im Inneren unserer Sonne Energie freisetzt, indem er leichte Atomkerne unter extremen Bedingungen miteinander verschmilzt.

Das Besondere an dieser Anlage ist ihre spezielle Bauform, denn sie gehört zum Typ der sogenannten Stellaratoren und ist zugleich der größte seiner Art auf der ganzen Welt. Im Gegensatz zu den bekannteren Tokamak-Reaktoren setzt der Stellarator auf ein extrem kompliziert verdrehtes Magnetfeld, um das heiße Plasma zu bändigen, und genau hier liegt die eigentliche Sensation dieses Experiments.

43 Sekunden bei 40 Millionen Grad: Wie der deutsche Fusionsreaktor Wendelstein 7-X einen Weltrekord aufstellte

Der entscheidende Rekord

Der eigentliche Durchbruch, der die Fachwelt aufhorchen ließ, gelang den Forschenden am 22. Mai des Jahres 2025 in einem gemeinsamen Kraftakt. Wissenschaftler aus ganz Europa und den USA erreichten dabei einen Weltrekord bei einem der wichtigsten Kennwerte der gesamten Fusionsphysik, dem berühmt-berüchtigten Tripelprodukt, und hielten diesen zudem über einen langen Zeitraum stabil.

Um zu verstehen, warum dieser Wert so entscheidend ist, muss man wissen, was sich genau dahinter verbirgt und wie er sich zusammensetzt. Das Tripelprodukt vereint nämlich drei zentrale Größen in einer einzigen Zahl, und zwar die Dichte des Plasmas, die Temperatur seiner Ionen sowie die sogenannte Energieeinschlusszeit, also wie lange die Wärme im System gehalten werden kann.

Die konkreten Zahlen hinter diesem Rekord sind dabei nichts weniger als beeindruckend und zeugen von der beherrschten Extremphysik. So gelang es der Anlage, ein leistungsstarkes Plasma über eine Dauer von sagenhaften 43 Sekunden aufrechtzuerhalten, wobei im Inneren eine Spitzentemperatur der Ionen von rund 40 Millionen Grad Celsius erreicht wurde.

David gegen Goliath

Besonders bemerkenswert wird dieser Erfolg erst dann, wenn man ihn in ein direktes Verhältnis zu den größten Konkurrenzanlagen der Welt setzt. Denn Wendelstein 7-X führt bei diesen längeren und für ein späteres Kraftwerk so entscheidenden Zeiträumen nun das Feld an, und das obendrein mit einem gewaltigen Handicap gegenüber der Konkurrenz.

So verfügt die deutsche Anlage über ein Plasmavolumen, das ganze drei Mal kleiner ausfällt als jenes des bekannten europäischen Tokamaks namens JET. Zudem musste sie mit einer fünfmal geringeren Heizleistung auskommen, was den Rekord umso erstaunlicher macht und die Effizienz des Stellarator-Konzepts eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Noch mehr Bestmarken

Der Rekord beim Tripelprodukt war jedoch nicht die einzige Bestmarke, die während der jüngsten Experimentierkampagne in Greifswald pulverisiert wurde. Auch beim gesamten Energieumsatz der Anlage konnten die Forschenden einen deutlichen Sprung nach vorn verzeichnen und ihre eigenen früheren Ergebnisse damit klar in den Schatten stellen.

Konkret gelang es, den Energieumsatz auf beeindruckende 1,8 Gigajoule zu steigern, wobei dieser Wert über eine Zeitspanne von immerhin sechs vollen Minuten gehalten werden konnte. Damit übertraf man den bisherigen Bestwert aus dem Februar des Jahres 2023 spürbar, der noch bei 1,3 Gigajoule gelegen hatte, ein klares Zeichen für den rasanten Fortschritt.

Warum der Stellarator jetzt zählt

Die eigentliche Tragweite dieser Ergebnisse geht weit über einen einzelnen wissenschaftlichen Achtungserfolg hinaus und berührt eine grundsätzliche Weichenstellung. Lange Zeit galt der technisch enorm anspruchsvolle Stellarator gegenüber dem Tokamak als der kompliziertere und weniger aussichtsreiche Weg zur Fusionsenergie, doch dieses Bild gerät nun ins Wanken.

Sein großer prinzipieller Vorteil liegt nämlich darin, dass er im Dauerbetrieb laufen kann, während der Tokamak naturgemäß eher zu einem gepulsten, also unterbrochenen Betrieb neigt. Für ein zukünftiges Kraftwerk, das rund um die Uhr zuverlässig Strom liefern soll, ist genau diese Fähigkeit zum kontinuierlichen Betrieb ein potenziell alles entscheidender Trumpf.

Ein Meilenstein mit Signalwirkung

Man muss bei aller berechtigten Euphorie festhalten, dass ein kommerzielles Fusionskraftwerk trotz dieses Erfolgs noch immer Jahre oder gar Jahrzehnte in der Zukunft liegt. Der Weg von einem physikalischen Rekordexperiment hin zu einer wirtschaftlich betriebenen Anlage, die tatsächlich Netzstrom liefert, ist lang, teuer und mit zahlreichen weiteren technischen Hürden gespickt.

Dennoch sendet dieser deutsche Weltrekord ein kraftvolles Signal an die gesamte internationale Forschungsgemeinschaft und an die Politik gleichermaßen. Er beweist, dass der lange belächelte Stellarator ein ernstzunehmender Kandidat im Rennen um die saubere Energie der Zukunft ist, und rückt den Traum von der Fusion ein bedeutendes Stück näher an die Wirklichkeit heran.

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